Adieu lieber Roger

Der Knacks. „Das Bewusstsein des gegenwärtigen Menschen entsteht als ein Übertreten vom ‚ich denke‘ zu ‚es denkt‘, ‚ich handele‘ zu ‚es handelt‘,“ heißt es in diesem Buch, „irgendwann bezieht sich das Drama nicht mehr auf die Prozesse der Steigerung oder Expansion und ihre Rückschläge, sondern auf die Individualität der Enttäuschung.“

Aber wahr war dieses Gerede nie. Stets war es nur der Idealismus einer Selbstwerdung, der Wahn des modernen Menschen, er sei eigentlich ein anderes, besseres Wesen als das, was er ist, die Illusion einer Identität, die es jenseits aller Voraussetzungen und Umstände zu erreichen gäbe.

„Alternativlosigkeit“ anstehender Maßnahmen gehört zu den beliebtesten Floskeln einer Politik, die den absoluten Notstand kultiviert. Roger Willemsen hat dazu die passende Philosophie von der ohnmächtigen Isolation des einzelnen geschrieben. Thomas Steinfeld

Wenn ich mich aus heutiger Sicht betrachte, bin ich ein alter Knackser. Ein Knacks – eine Onomatopöie, im Sinne einer schweizerischen Aussprache beim Brechen der Toblerone. Mich halten Menschen in der Welt, wie du. Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, dass ich Jazz hören würde. Ich hätte denjenigen ausgelacht. Du hast mir Petrucciani nahe gebracht, hast mir den Jazz erklärt und mir Horizonte eröffnet. Jazz ist eine Musik, die neben der Fröhlichkeit auch immer die Tiefe im Gepäck hat und die Trauer und den Schmerz. So wie das Leben auch, nicht immer sind alle Augenblicke rein und eindeutig. Es hat immer auch etwas von dem anderen.
Hustend habe ich im Kommödchen gesessen, sehr erkältet.  Mit einer lieben Freundin. Lauschend. Ich wollte den Abend nicht absagen. Bis unter die Haarspitzen war ich von  der Pharmaindustrie versorgt worden. Um nur einmal dich zu sehen. Ich fühlte mich aufgehoben, wie bei einem guten Freund, bei einer Freundin. Wir saßen zusammen und du legtest wie in alten Zeiten deine Platten auf. Wir lauschten. Wir tauchten ein, in den Jazz des bluenote labels.

Und dann stirbst du. Nimmst deine Eloquenz mit ins Grab. Deine Gedanken, denen ich gerne noch schwerfällig gefolgt wäre.
Als ich von deinem Tod aus den Nachrichten erfuhr, hat es laut KNACKS gemacht. Unheilvoll.
Rücksichtslos. Zurückbleibend mit dem Gedanken an die Alternativlosigkeit im Stillstand der aktuellen politischen Lage im hohen Haus.
Ein Philosoph und Beobachter und liebevolles Menschenwesen mit verschrobenen Anteilen, ist gegangen.
Du fehlst. Du wirst fehlen.

Wenn du mir erlaubst,  lege ich jetzt, zwar als Ungläubiger, Petrucciani auf, nur für dich: Looking up.

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