In weiter Ferne so nah

Berlin vormals  Köln. Es sind immer wieder Städte, die in mir Veränderung anregen. Meist grundlegende.
…vormals Köln. Köln. Obwohl 80 km entfernt. Immer wusste ich, da will ich einmal wohnen. Die Freiheit spüren, Abstand nehmen vom katholischen Mief der ländlichen Provinz. Nicht mehr nur Betrachter einer Szenerie sein. ABBRUCH, LOSLÖSEN, AUFBRUCH. Türen aufstoßen, die mich von den  größeren Räumen trennten, innere sowie äußere Räume.  So lebte ich 8 Jahre an dem ersehnten Ort.
Doch ABBRUCH, LOSLÖSEN, AUFBRUCH verlangen immer auch einen großen inneren Kraftakt und  sehr viel Vorbereitung. Eine innere Auseinandersetzung mit den vielen Wesen in einem selbst, die einen anöden, beschränken wollen und Angst, weniger Mut zusprechen. Den Mut, auf sich zu schauen und nicht zu verzweifeln an dem, was man nicht ist, und wenn man ehrlich ist, auch nie sein wird – und findet man zu sich selber – auch nie sein möchte oder wollte.

Und nun Berlin. Dort zieht es mich Blick durch rostige Türmittlerweile zwei Mal im Jahr hin. Berlin ist eine innere Haltung geworden. Ein Synonym für: praktizierte Kulturtechniken, Ideale, Merkmale, Bildung, Ordnung und Unordnung, Toleranz, Freiheit, Indifferenz, soziale Distanz, Vernetzung, Diversität, Interkulturalität, Weltläufigkeit, Aufgeschlossenheit, Bürgersinn, feines Wesen, Raffinesse, Intellektualität, Kreativität, Sexualpräferenz, Höflichkeit, Eleganz und Schönheit, sowie deren Ausdruck in Städtebau, Infrastruktur, Architektur, Innenarchitektur, Kunst, KunsthandwerkModePolitikLebensstilSexualpraktik, Sprache, Habitus und Umgangsformen (in Anlehnung – Urbanität – wikipedia).

Vielleicht ist es aber auch nur so, wie in dem Film der Himmel über Berlin, dass man als Engel Cassiel durch die Welt zieht und sich nur selbst trösten kann, anstatt aktiv in sein Schicksal einzugreifen. Sinn ist es, Selbstzweck könnte es sein, selbst ein Mensch zu werden. Die planerische- und Entwurfshoheit zurück zu erlangen. Blickt man zurück, dreht sich um, so wird man auf Schritt und Tritt ebenfalls, wie Cassiel,  von Emit Flesti verfolgt. Und wer genau hinschaut, erkennt das Ananym Time itself – die Zeit selbst. Wie so oft. Genaues Hinschauen erfordert Mut. Mut und Zeit. Cassiel entscheidet sich für die Aufgabe der Unsterblichkeit, um Leben und SEIN zu können.

„…Aber, das mir immer wieder in den Weg kommt, nein, es ist wie eine angezogene Handbremse, nie hätte ich es getan. Gewünscht ja, aber nicht getan. Von dem, über den ich jetzt rede, wird man nicht sagen können, dass er ein sonderlich mutiges Leben geführt hat, er war Betrachter, wenn man so will, Chronist, gewinnt jedoch nicht auch der Chronist allein durch seine Tätigkeit dem Leben Sinn ab? Auch da, wo es so sinnlos schien? Selbst dem, der es gelebt hat? Er wollte einmal verändern, sich und die Verhältnisse, in denen die Leute lebten. Dann wäre auch ein anderes Reden möglich gewesen. Aber so können wir sagen, er hat den Menschen nicht geschadet., er hat nicht gerade gelogen, aber doch ein wenig geschönt. … Er war ja nicht nur Totenredner, sondern auch Revolutionär, ein wenig, so wie man in Deutschland Revolutionär sein kann, und vor allem – er war Sinnsucher. Hat er den Sinn gefunden? Er hat gegrübelt, einmal tagelang. … Ein Sinnsucher ohne Antwort, so müssen wir wohl sagen.“  Uwe Timm – Rot

„Es muß einmal ernst werden. Ich war viel allein, aber ich habe nie allein gelebt. Wenn ich mit jemandem war, war ich oft froh, aber zugleich hielt ich alles für Zufall. Diese Leute waren meine Eltern, aber es hätten auch andere sein können. Warum war der mit den braunen Augen mein Bruder und nicht der mit den grünen Augen vom Bahnsteig gegenüber? Die Tochter des Taxifahrers war meine Freundin, aber ebenso gut hätte ich auch den Arm unter den Kopf eines Pferdes legen können. Ich war mit einem Mann, war verliebt, und ebenso gut ihn stehenlassen und mit dem Fremden, der uns auf der Straße entgegenkam, weitergehen können. Schau mich an oder nicht. Gib mir die Hand oder nicht. Nein, gib mir nicht die Hand. Und schau weg von mir. Ich glaube, heute ist Neumond. Keine ruhigere Nacht. Kein Blut wird fließen in der ganzen Stadt. Ich habe nie mit jemandem gespielt und trotzdem habe ich nie die Augen geöffnet und gedacht: Jetzt ist es ernst. Endlich wird es ernst. So bin ich älter geworden. War ich allein so unernst? Ist die Zeit so unernst? Einsam war ich nie, weder allein noch mit jemand anderem. Aber ich wäre gern richtig einsam gewesen. Einsamkeit heißt ja, ich bin endlich ganz. – Jetzt kann ich das sagen, denn ich bin heute Nacht endlich einsam.“ Marion – Himmel über Berlin

„Warum bin ich ich und warum nicht du? Warum bin ich hier und warum nicht dort? Wann begann die Zeit? Und wo endet der Raum? Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum? Ist, was ich sehe und höre und rieche nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt? Wie kann es sein, daß ich, der ich ich bin, bevor ich wurde, nicht war? Und das einmal ich, der ich bin, nicht mehr der ich bin, sein werde.“ Engel Daniel – Himmel über Berlin

„Endlich verrückt, endlich nicht mehr allein. Endlich verrückt, endlich erlöst. Endlich verrückt, endlich ruhig. Endlich einen Narren, endlich ein inneres Licht.“ Frau mit Kind auf Fahrrad – Himmel über Berlin

„Grau steht für Überwindung, habe ich ihr gesagt. Grau ist die Farbe des Schattens. Übergang von Schwarz ins Weiße, es ist die Farbe der Auferstehung.“ Uwe Timm – Rot

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„Der Mensch kann nichts wollen, wenn er nicht zunächst begriffen hat, daß er auf nichts anderes als auf sich selber zählen kann, daß er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als das, das er sich selbst geben wird, ohne ein anderes Schicksal als das, das er sich auf dieser Erde schmieden wird.“ – Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. Jean Paul Sartre

Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf; er existiert nur in dem Maße, als er sich entfaltet. Jean-Paul Sartre

Und da ich  dazu angehalten bin, mich selber angehalten habe, einen Entwurf meiner selbst zu VLUU L310 W  / Samsung L310 Wgestalten, so nehme ich den Urteilsspruch an. Verurteilt, frei zu sein, vor dem Hintergrund eines langwierigen und grausamen Unterfangens des Atheismus. Berlin hat mich befreit. Berlin als ein Synonym meiner inneren Stadt. Mit den U-Bahnen der Veränderungen. Nur noch schnell bei der BVG eine Linienkarte holen und einen Fahrschein besorgen. Dann nur noch lösen. Loslösen und das pulsierende Leben annehmen.

 

 

 

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